Anbau und Vermehrungsfläche

Die Bedeutung von Dinkelsorten in Deutschland:

In Deutschland sind nur wenige Sorten in der Beschreibenden Sortenliste des Bundessortenamtes eingetragen:

  • Baulländer Spelz (zugelassen 1953)
  • Ceralio (2001)
  • Franckenkorn 1995)
  • Holstenkorn (1997)
  • Oberkulmer Rotkorn (1998)
  • Schwabenkorn (1988)
  • Schwabenspelz (2000)
  • Ostro (2003)

Anhand der Jahreszahlen der so genannten Zulassungsjahre und der Beschreibungen von Prof. Roemer–Bromberg von 1914 wird deutlich, dass das Alter der Sorte nichts über die Reinheit aussagt.

 

Der Flächenanteil von Süddeutschland (südlich der Maingrenze) war 1920 aufgeteilt in 55% Weizen und 45% Dinkel.
Recherchiert man den Dinkelanbau noch regionaler, so gibt es Hinweise aus dem Württembergischen, dass bis in das 19. Jahrhundert Dinkel die Hauptbrotfrucht war.

Anbaufläche in Württemberg um 1900

  • Dinkel ca. 200.000 ha.
  • Weizen ca. 12.000 ha.


Anbaufläche in Württemberg um 2000

  • Dinkel ca. 8.000 ha.
  • Weizen ca. 233.000 ha.


Dies hat seine Ursache:

  • indem der Kunstdünger erfunden wurde und somit auch auf weniger ertragsreichen Böden nun Weizen angebaut werden konnte
  • höhere Ertragsleistungen aufgrund der erfolgreichen Zuchtbemühungen bei Weizen
  • aufwändigere Verarbeitung von Dinkel (Kostendruck)
  • teils auch durch die angespannte Ernährungssituation während der beiden Weltkriege, die den Wechsel von Dinkel- zu Weizenanbau durch höhere Erträge herbeiführte. So wurden sogar während des Zweiten Weltkriegs die Landwirte von den damaligen Machthabern aufgefordert, den Dinkelanbau im Interesse der Sicherung der Volksernährung ganz aufzugeben.

Bei reinen Dinkelsorten (Oberkulmer Rotkorn, Franckenkorn), die nicht so ertragsstark sind wie Dinkelsorten mit hoher Weizeneinkreuzung, werden Erträge von ca. 52 dz/ha im Gegensatz zu Weizen mit ca. 64 dz/ha im Bundesdurchschnitt erzielt. Also ein ca. 20 % geringerer Mengenertrag als bei Weizen. Da auch Landwirte auf die Wirtschaftlichkeit des Getreideanbaus achten müssen, ist die Motivation, Dinkel anzubauen, verständlicherweise nicht stark ausgeprägt. Deshalb hat z.B. die SchapfenMühle aus Ulm mit den Landwirten Anbauverträge. Darin wird unter anderem vereinbart:

1. welche Dinkelsorte (Franckenkorn) angepflanzt werden muss
2. die Ablieferungsmenge
3. vor allem der Abgabepreis an die Mühle, der im voraus festgeschrieben wird

Durch einen Mehrertrag in Euro von ca. 20 % - 25 % für Dinkel zu Weizen sind die Landwirte bereit, Dinkel in gewünschter Sorte und Menge anzupflanzen. Weitere finanzielle Vorteile hat der Landwirt, weil die Aufwendungen für Dünger und Spritzmittel geringer sind gegenüber Weizen oder Roggen.

Aufgrund seiner morphologischen Eigenschaften ist Dinkel für die ökologische Wirtschaftsweise besonders geeignet. Mit dem langen Stroh und der damit verbundenen hohen Lageranfälligkeit sind dem Düngeniveau Grenzen gesetzt. Der längere Halm als der vom Weizen sorgt für eine Bestandsmikroflora, die der Ausbreitung von Schadpilzen entgegen wirkt. Der lange Abstand der Ähre zum Boden verhindert weitgehend das Überspringen von Pilzsporen bei Regenspritzern. Das feste Spelzensystem bietet dem Korn einen besonderen Schutz gegenüber Ährenkrankheiten, so dass aus Qualitätsgründen bezüglich der Kornausbildung auf Ährenbehandlung verzichtet werden kann.
Die Vese (ohne Dinkelkorninhalt) enthält im Ascheanteil um die 90 % Kieselsäure. Besondere Bedeutung wird der Einlagerung der Kieselsäure in den Getreideblättern und den Vesen beigemessen, weil dadurch die Widerstandskraft gegen saugende und beißende Insekten sowie Pilzinfektionen verstärkt wird. (Sticher und Bach 1995, Handreck und Jones(1968) Der hohe Kieselsäuregehalt der Vese ist wohl mit ein gewichtiger Grund für die positive Wirkung bei Dinkelkissen, oder auch Spelzkissen genannt.

Auch hinsichtlich der Saatgutaufbereitung bringt das geschlossene Spelzgefüge Vorteile, da seine gute Schutzfunktion eine Beizung des Saatgutes fast überflüssig werden lässt. Es wird heute nur gebeizt, wenn die Gefahr des Auftretens von Zwergsteinbrand vermieden werden muss. Nachteil bei der Saat von Vesen in der modernen Landwirtschaft ist:
a) ungenaue Aussaat, weil eine Vese zwei bis drei Körner enthalten kann
b) schlechte Gleiteigenschaften der Vesen mit dem sperrigen Spindelteil, die in der Sämaschine häufig zu Verstopfungen des Saatrohrs führen können.

Der Hauptgrund, warum keine „nackten“ Dinkelkörner gesät werden, ist, dass der
Gerb-/Schälgang eine starke mechanische Belastung für das Korn ist, so dass etwa ca. 20 % Keimlinge verletzt oder sogar abgetrennt werden und so ein unkontrollierter Feldaufgang gegeben ist.

Die Spelzen schützen das Korn nach der Aussaat gut vor bodenbürtigen Schaderregern (Pilze und andere Mikroorganismen). Dinkel ist bekannt als robuste Getreideart mit einer guten Winterfestigkeit. Er eignet sich damit auch für Grenzregionen des Weizenanbaues. Dinkel ist nicht so anspruchsvoll wie anderes Getreide. Er wächst in klimatisch ungünstigen Höhenlagen. Er soll sogar in Höhenlagen von 1000 m angebaut werden können. Spezielle Ansprüche an die Bodenqualität (Nährstoffgehalt, Feuchte) stellt Dinkel nicht.

Dinkel verfügt über ein reich verzweigtes Wurzelwerk und besitzt ein hohes Stickstoffaneignungsvermögen. Diese Eigenschaften befähigen den Dinkel auf niedrigem Stickstoffdüngungsniveau relativ hohe Erträge bei hohem Eiweißgehalt zu bilden. Damit bietet sich mit Dinkel eine interessante Getreideart für die Bewirtschaftung von Wasserschutzgebieten an.

Es gibt Sommerformen, aber üblicherweise wird Dinkel als Wintergetreide angebaut und im Herbst ausgesät. Der Dinkelanbau bedarf nicht so vieler Pestizide wie bei anderen Getreidearten. Der Spelz umschließt das Korn vollkommen, so dass eine Ährenbehandlung sich erübrigt.

Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986, erlaubte Bonn radioaktiv belastetes Getreide bis zu 600 Becquerel zu ernten. Radioaktivmessungen von der Universität Konstanz an verschiedenen landwirtschaftlichen Produkten, unter anderem auch Dinkel, ergaben, dass Dinkelkörner nur 4 – 6 Becquerel aufwiesen. Dies soll fast eine zehnfach geringere Strahlungsmenge gewesen sein als bei Weizenkörnern. Umweltverträglicher Anbau heißt aber auch bodenschonender Anbau. Hohe Düngergaben konnten bei Dinkel, wie auch die Universität Hohenheim feststellte, keinesfalls zu höheren Erträgen führen. Zu hohe Düngergaben wirken sich sogar negativ aus durch z.B. schnellere Gefahr des ins Lager. Die Dinkelpflanze ist unempfindlich gegen zuviel Feuchtigkeit, aber auch andererseits gegenüber extremer Trockenheit und Dürre. Dies verdankt sie ihren tiefgehenden Wurzeln.

Bei Dinkel ist die Ährenspindel brüchig. Bei den früheren Ernteverfahren wurde Bruchverlusten vorgebeugt, indem der Dinkel noch unreif bei geringerer Spindelbrüchigkeit auf dem Feld in Garben gebunden und nach dem Trocknen in die Scheune gebracht wurde. Trotzdem waren Verluste von Vesen unvermeidlich.
Das Ernten mit den heute technisch ausgereiften Mähdreschern ist deutlich effizienter. So ist es heute gewollt, dass der Dinkel gut reif ist und somit eine gute Spindelbrüchigkeit hat. Der Mähdrescher erntet die Vesen mit den darin „eingepackten“ Dinkelkernen. Die Vesen mit den darin eingelagerten Dinkelkörnern werden heute als „Rohdinkel“ bezeichnet und gehandelt.

Das folgende Bild zeigt den logistischen Aufwand bei Dinkel. Hier ist dargestellt, welches Volumen an Rohdinkel benötigt wird, um die relativ geringe Menge an Dinkelkörnern (Mitte) bzw. Dinkelvollkornmehl (rechts) zu erhalten.

 

Dinkel ist nicht freidreschend. Die Spelzen haften fest am Korn und sind nur schwer abzutrennen. Um das Korn zu erhalten, ist ein spezieller, zusätzlicher Arbeitsgang notwendig, der so genannte Gerbgang (schälen, enthülsen). Hierzu setzt der Müller die Schälmühle ein.

Schäl-Maschinen in der Schälmühle:

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